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Periskop 2008 / 01
Hans-Jürgen Pokall |
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Interview mit dem Landesschulrat von Berlin,
Herrn Hans-Jürgen Pokall
Das Interview führten Dorit Gade und Farhad Sharafat
Vaziri
Periskop
„Fehlender Schulabschluss – Ursache für Arbeitslosigkeit
und Perspektivlosigkeit bei jungen Menschen“. Können Sie
dieser These aus Ihrer Sicht zustimmen?
Herr Pokall
Im Prinzip schon, weil Jugendliche, die die Schule abbrechen oder die
Schule ohne Schulabschluss verlassen, es schwerer haben, einen vernünftigen
Ausbildungsplatz oder auch eine Perspektive für ihre weitere Qualifizierung
zu finden. Natürlich gibt es, wie immer, auch Ausnahmen. Insbesondere
bei denjenigen, die sich sehr intensiv engagieren und bemühen,
doch noch einen Anschluss zu finden oder den Schulabschluss nachzuholen
bzw. den Schulabschluss auf andere Weise zu erlangen. Allerdings setzt
dies immer einen sehr starken Willen voraus, und alleine schafft man
das kaum. Man braucht Unterstützung: entweder durch das Elternhaus,
während der Freizeit, durch andere persönliche Aktivitäten
oder auch durch eigenes Engagement in anderen Bereichen. Ein ganz interessanter
Bereich ist hier immer wieder der Sport. Wer in einem Verein sehr engagiert
ist oder in einer Mannschaft spielt, hat immer Kontakte, um auf diese
Art und Weise entsprechende Erfahrungen zu sammeln und sich damit auch
weiter zu qualifizieren.
Periskop
Worin sehen Sie die Hauptursache, dass so viele junge Menschen ohne
Abschluss die Schule verlassen?
Herr Pokall
Das Problem muss man etwas differenzierter betrachten. Wir haben in
bestimmten Regionen Berlins das Migrationsproblem. Wir haben bei Kindern
und Jugendlichen mit Migrationshintergrund häufig das Problem,
dass sie ganz schlecht mit der deutschen Sprache zurecht kommen und
deshalb auch Schwierigkeiten haben, den Hauptschulabschluss zu erlangen.
Zweitens haben wir in dieser Stadt, in Regionen, die relativ migrationsfrei
sind, einen hohen Anteil von sogenannten Problemsituationen, wie z.B.
dass beide Elternteile arbeitslos sind. Oder es liegen zerrüttete
Familienverhältnisse vor oder es gibt das Problem der Verwahrlosung
von Kindern und Jugendlichen. Es gibt noch einen dritten Aspekt, den
man in Berlin nicht vergessen darf: Wir sind eine Stadt, in der wir
nicht nur nach außen hin, sondern auch nach innen hin keine Diskriminierungen
zulassen. Das heißt also, wir haben bei den Zahlen der Schülerinnen
und Schüler ohne Abschluss auch diejenigen mit enthalten, die einer
sonderpädagogischen Förderung unterliegen. Und zwar der sonderpädagogischen
Förderung sowohl in den Sonderschulen als auch in den allgemeinbildenden
Schulen. Das Prinzip der Integration ist in anderen Bundesländern
in diesem Umfang nicht vorhanden, so dass dort die Schülerinnen
und Schüler an Sonderschulen von vornherein nicht mitgerechnet
werden und deshalb andere Zahlen herauskommen. Wir arbeiten zur Zeit
in der Kultusministerkonferenz daran, einen für alle Länder
einigermaßen vernünftigen Weg zu finden, damit die Zahlen
tatsächlich vergleichbar werden.
Periskop
Was wird bereits während der Schulzeit getan, um Schüler beim
Übergang von der Schule in den Beruf zu unterstützen?
Herr Pokall
Die letzten Klassen der Realschule, der Gesamtschule und auch der Hauptschule
sind vor allen Dingen darauf ausgerichtet, Schülerinnen und Schüler
zu motivieren und sie auch persönlich in die Lage zu versetzen,
z.B. sachgerechte Bewerbungen und vernünftige Lebensläufe
zu erstellen. Außerdem werden Informationen darüber vermittelt,
welche Voraussetzungen für bestimmte Berufe sinnvoll und erforderlich
sind. Wir haben in Berlin in fast allen Schulen das Projekt begonnen,
den sogenannten „Berufswahlpass“ zu verteilen und die Schülerinnen
und Schüler besonders aufgefordert, sich damit auseinander zu setzen.
Durch den Berufswahlpass wollen wir erreichen, dass die Schülerinnen
und Schüler wissen, dass es eine Vielzahl von Berufen gibt und
dass damit das Spektrum der in Frage kommenden Berufe wesentlich breiter
wird.
Mit dem Berufswahlpass haben die Jugendlichen die Möglichkeit,
aktuelle Informationen über die vielfältigen Berufsfelder
zu erhalten und außerdem zu erkunden, was aufgrund von Neigungen,
vorhandenen Kompetenzen und zu erwartenden Perspektiven passt.
Natürlich informieren wir sie insbesondere auch mit der Berufswegeplanung
bei der Bundesagentur für Arbeit. Wir finden es wichtig, dass die
Qualifikationen, die in der Schule vermittelt werden und das, was in
einem Beruf erwartet wird, in Verbindung gesetzt werden. Nehmen wir
als Beispiel jemand, der einen handwerklichen Beruf im Bereich der Holzverarbeitung
anstrebt. Wenn er mit dem Material Holz überhaupt nichts anfangen
kann, dann hat das ja keinen Sinn. Dies kann z.B. im Unterrichtsfach
Arbeitslehre vermittelt werden, so dass nicht nur das theoretische Auseinandersetzen
mit Situationen der Arbeitswelt, sondern auch der ganz praktische Umgang
vermittelt werden. Das reicht vom Umgang in einer Küche bis hin
zum Umgang in einer Werkstatt, einschließlich CNC-basierten Maschinen.
Periskop
Wer führt die Schülerinnen und Schüler an die Berufswelt
und den Berufswahlpass heran? Geschieht dies durch die Lehrer?
Herr Pokall
Dies wird nicht nur durch Lehrerinnen und Lehrer unterstützt, sondern,
insbesondere an den Hauptschulen, auch von Sozialpädagogen. Es
wird auch von der Bundesanstalt für Arbeit durch gezielte Gespräche
unterstützt oder indem auch gezielte Materialien vergeben werden.
Periskop
Werden an dieser Stelle auch Unternehmen mit einbezogen?
Herr Pokall
Das hat mit dem Berufswahlpass im eigentlichen Sinne nicht unmittelbar
etwas zu tun. Sie sprechen damit ein anderes Feld an, das an vielen
Schulen praktiziert wird. Im Zusammenhang mit dem Schülerpraktikum,
das ja mit Ausnahme der Gymnasien obligatorisch ist. In den Gymnasien
findet dies dennoch fast zu 100 Prozent statt. Es gibt eine enge Verbindung
zu Unternehmen, zu Betrieben und zu Handwerksorganisationen. Auch zu
größeren Unternehmen und großen Werken, die hier in
Berlin ansässig sind, wie z.B. Berlin-Chemie, Bayer Schering oder
auch Siemens gibt es Verbindungen. Dort finden Praktika für Schülerinnen
und Schüler statt. Dazu ist im Vorfeld natürlich eine rege
Kooperation zwischen den beiden Partnern, Schule und Betrieb, erforderlich.
Periskop
Gibt es dazu speziell ein Projekt von der IHK?
Herr Pokall
Nicht nur mit der IHK. Es gibt auch Kooperationen mit der Handwerkskammer
und mit einzelnen Branchen. In Berlin gibt es erfreulicherweise sehr
viele Angebote. Die Schulen kapitulieren manchmal bei den vielen Angeboten,
weil sie sich vielleicht für eins entscheiden müssen, das
dann aber vielleicht gerade für ihre Schüler nicht so unbedingt
das passendste ist. Da muss man den Schulen etwas bei der Auswahl helfen
und sie unterstützen. Nicht zu vergessen natürlich auch die
Kooperation und die Verbindung mit den berufsbildenden Schulen hier
in Berlin, die eine besondere Struktur haben, die mit anderen Bundesländern
kaum vergleichbar ist. Bei den berufsbildenden Schulen haben wir eine
Organisation, die nicht nur berufs- und branchenspezifisch, sondern
manchmal sehr differenziert auf ein sehr klar zu beschreibendes Berufsfeld
ausgerichtet ist. Wir haben zum Beispiel ein eigenes Berufsschulzentrum
für alle Angelegenheiten des klassischen Hotelgewerbes. Wir haben
dies für Bau, für Holz, für Banken und Versicherungen,
um einige Sparten aufzuzeigen. Unsere Organisation ist sehr branchenspezifisch
ausgerichtet, und es gibt keine Kreisberufsschule, wie das in anderen
Bundesländern üblich ist.
Periskop
Gibt es denn auch Patenschaften, bei der z.B. jemand aus der Wirtschaft
die Patenschaft für einen Schüler übernimmt und ihn bei
der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützt?
Herr Pokall
Es gibt auch diese Patenschaften, sowohl zu Handwerksbetrieben, also
Handwerksmeistern, als auch zu Industrieunternehmen, die ganz konkret
auf Personen bezogen sind und die, im direkten Kontakt mit einer Klasse
oder mit bestimmten Schülern einer Klasse, das in entsprechender
Weise praktizieren. Ich kann Ihnen gar nicht aufzählen, wie viele
einzelne differenzierte Angebote es da gibt, aber es gibt vielfältige
Formen.
Periskop
Hängt das Angebot nur von dem Engagement einzelner Lehrer ab, oder
gibt es verpflichtende Fächer, die dieses Problem „Übergang
Schule – Beruf“ vermitteln?
Herr Pokall
Es gibt zunächst einmal in den Rahmenplänen ganz bestimmte
Vorgaben. Bestimmte Themen, wie z.B. Schreiben eines Lebenslaufes oder
Erstellung einer Bewerbung, dürfen nicht aus dem Unterricht ausgeklammert
werden. Daneben gibt es auch kompetenzorientierte Aufgabenansätze,
die sich aus dem Umgang mit Handwerk und Industrie heraus ergeben haben.
Beispielsweise haben viele Aufgaben in Mathematik einen Bezug zu Fragen
der Wirtschaft, zu Fragen der Betriebsorganisationen, im kalkulatorisches
Rechnen usw. Was es nicht gibt, ist ein spezielles Unterrichtsfach.
Es gibt zwar das Fach Arbeitslehre, das auch ein großes Spektrum
abdeckt, aber eben nicht ausreichend. Es gibt auch die anderen Unterrichtsfächer,
die dazu beitragen, z.B. das Fach Chemie, das Hinweise darauf geben
kann, ob jemand sich als Chemielaborant oder als Assistent für
den chemisch-pharmazeutische Bereich interessieren könnte. Das
gilt genauso für die Fächer Deutsch, Mathematik und selbstverständlich
die Fremdsprachen, die möglicherweise eine berufliche Perspektive
auch über den deutschsprachigen Raum hinaus bieten können.
Insoweit haben alle Unterrichtsfächer einen gewissen Bezug zur
Arbeitswelt, sicherlich zielgerichteter als das Fach Arbeitslehre.
Periskop
Ein eigenes Fach wäre jedoch sinnvoll, wenn man daran denkt, dass
bereits berufserfahrene Menschen teilweise nicht wissen, wie sie sich
bewerben sollen. Wie sie auftreten, wie sie reden, welche Höflichkeitsregeln
sie beachten sollen etc. Insofern wäre es doch sinnvoll, dies bereits
in der Schule zu lernen.
Herr Pokall
Damit haben Sie die Rollenspiele angesprochen, die wunderbar mit in
die Schulen einbezogen werden können. Es gibt dazu viele Planspiele.
Was es allerdings nicht gibt, und da stoßen Sie auf einen kritischen
Punkt, es gibt von uns kein Rezept, mit dem wir sagen: „Das müsst
ihr so machen!“ Das ist natürlich auch bei der Differenziertheit
der Angebote nach der Schule schwer möglich. Und zwar nicht nur
in der dualen Berufsausbildung, sondern auch in den ganzen vollzeitschulischen
Bildungsgängen, die auch auf einen Beruf hinführen. Dennoch
muss man Beispiele präsentieren, und wir verpflichten die Schulen
dazu, sich auf mehrere Beispiele zu konzentrieren.
Periskop
Hat es doch etwas mit dem Engagement einzelner Lehrer, beziehungsweise
der jeweiligen Schule zu tun? Das heißt, es gibt keine Verpflichtung,
bzw. es ist kein Bestandteil des Unterrichtes über mehrere Jahre,
die Schüler auf das Berufsleben vorzubereiten? Es werden lediglich
Bezüge hergestellt, inwieweit z.B. Mathematik oder eine Fremdsprache
für den späteren Beruf wichtig sein könnten?
Herr Pokall
Es gibt kein integriertes Konzept, das die Schulen verpflichtet. Das
ist natürlich auch schwierig. Sie müssten sich ja sonst für
den neuen Jahrgang generalisierend festlegen. Und es gibt auch bei dem
Spektrum der vielfältigen Schulen, die wir in Berlin haben, unterschiedliche
Ansätze. Sie können ein Gymnasium nicht in der gleichen Art
verpflichten wie eine Hauptschule.
Eines ist natürlich richtig: Die Schulen müssen Berufsvorbereitung
betreiben. Das ist klarer Auftrag. Da kann sich keine Schule rausmogeln
und kann sagen: „Das wussten wir nicht“ oder „Das
machen wir nicht“.
Periskop
Wie stellt man sicher, dass die Lehrer inhaltlich immer auf dem neuesten
Stand sind? Woran messen Sie das?
Herr Pokall
Ich glaube, dass inzwischen viele Bereiche, auch außerhalb der
Schule, begriffen haben, wie wichtig es ist, mit der Schule in Kontakt
zu treten, damit die Lehrerinnen und Lehrer à jour sind. Von
daher gibt es auch viele Kontakte. Ich kenne zur Zeit keine Schule,
die über keine derartigen Kontakte verfügt. Ob es immer ausreichend
und umfassend ist, sei dahingestellt, aber Sie fragten ja: „Woran
messen wir das?“ Wir messen es daran, wie sich die Schule um die
Situation der Schülerinnen und Schüler nach Ende der Schulzeit
kümmert. Das heißt also, welche Aussagen kann die Schule
über das Gelingen von Ausbildungsverträgen treffen, auch über
den Schulabschluss hinaus? Kontrolliert sie, was mit den Schülerinnen
und Schülern passiert? Erhält sie ein Feedback? Hat sie Kontakt
mit den Schulen, auf denen die Schülerinnen und Schüler danach
gehen? Und wichtig ist, was wir in den neuen Regelungen des Schulgesetzes
von Berlin festgehalten haben, dass die Schule sich aus diesem Thema
nicht herausnehmen darf. Wir kontrollieren also, ob die Schulen sich
diesen Themen widmen und damit sachgerecht umgehen. Und wenn sie das
nicht tun, bekommen sie eine entsprechende Ermahnung, beziehungsweise
auch eine entsprechende Kontrolle.
Periskop
Es wird also messbar gemacht?
Herr Pokall
Messbar ist vielleicht ein zu scharfer Begriff, aber es wird wenigstens
beobachtet.
Periskop
Wie sieht es in diesem Zusammenhang mit der Fort- und Ausbildung der
Lehrer aus? In anderen Bundesländer gibt es die Fortbildung der
Lehrer nach dem Punktesystem. Es ist beispielsweise problematisch, wenn
die Schüler sich perfekt mit Computer auskennen und die Lehrer
davon keine Ahnung haben.
Herr Pokall
Früher hatten wir die Fortbildung unter den Aspekt der Freiwilligkeit
gestellt. Davon sind wir jetzt abgegangen. Heute können die Schulleiterinnen
und Schulleiter Fortbildungen anordnen, wenn sie feststellen, dass bestimmte
Lehrkräfte Defizite haben, die jedoch für das Profil der Schule
unhaltbar sind.
Es ist natürlich immer ein zweischneidiges Schwert, wenn jemand
zu einer Fortbildung delegiert wird. Das kann auch dazu führen,
dass derjenige die Zeit nur absitzt. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, bei
einem Personalkörper von etwa 40000 Lehrern in Berlin kann ich
Ihnen nicht versprechen, dass wir 40000 nur sehr gute Lehrer haben.
Periskop
Halten Sie also nichts von diesem Punktesystem? Es wäre doch ein
Anreiz für eine Karrieremöglichkeit?
Herr Pokall
Aus meiner Sicht ist das etwas problematisch, weil wir, bezogen auf
ein Karrieresystem, nicht überall die gleiche Situation haben.
In der Hauptschule oder auch in der Realschule gibt es relativ wenige
Aufstiegsmöglichkeiten. Im Gymnasium dagegen haben wir viele Aufstiegsmöglichkeiten.
Aus diesem Grund muss man sich immer fragen: „Was hat das für
einen Effekt, wenn man solch ein Punktesystem einführen würde?“
Es hätte nicht nur den Effekt eines gewissen Anreizes. Für
ganz bestimmte herausgehobene Funktionen, zum Beispiel der Schulleitung,
müssen ganz bestimmte andere Voraussetzungen gegeben sein, also
auch die der Fortbildung. Es gibt jedoch kein Ranking in der Weise,
dass es jetzt eine Liste für alle Lehrer gibt. Das haben wir noch
nicht. Wir denken weiter darüber nach. Ein System, auch wenn es
auf dem Wege ist, sich zu verbessern, ist nie so perfekt, dass es nicht
noch weitere Verbesserungen verträgt. Vielleicht können wir
uns in Zukunft etwas differenzierter und gezielter darauf einlassen.
Periskop
Die Wirtschaft spricht vom Fachkräftemangel. Bemüht sie sich
bereits in den Schulen um zukünftige Mitarbeiter?
Herr Pokall
Schülerinnen und Schüler, die in den Betrieben Praktika absolvieren,
knüpfen dort gezielt Kontakte, die dann auch erhalten bleiben.
Schüler, die in ihren Betrieben gut ankommen, müssen sich
um ihre Ausbildungsplätze keine Sorgen machen. Eine gezielte Abwerbung
oder eine ganz gezielte Einflussnahme ist nicht erlaubt. Das lassen
wir als Aufsichtsbehörde nicht zu.
Periskop
Welche weiteren Maßnahmen würden Sie noch für sinnvoll
erachten, um Schülern wenigstens zum Schulabschluss zu verhelfen?
Herr Pokall
Schülerinnen und Schüler, die die Schule abbrechen oder die
Schule ohne Abschluss verlassen, bedürfen natürlich durchaus
einer weiteren Förderung. Meist setzt dies leider zu spät
an. Das heißt, abschlussgefährdete Schülerinnen und
Schüler oder auch Schwänzersituationen müssen frühzeitig
aufgegriffen werden. Wir bemühen uns durch sogenannte Schwänzerprojekte
darum, entsprechend Einfluss zu nehmen und deutlich zu machen, dass
dies nicht nur eine Aufgabe der Schule allein ist. Es ist eine Aufgabe
von Schule und Elternhaus, es ist eine Aufgabe von Schule und Freizeit,
es ist aber auch eine Aufgabe von Schule und Jugendhilfe. Wir haben
hier in Berlin, insbesondere in Sonderschulen und Hauptschulen, eine
besondere Ergänzung durch Sozialpädagogen. Lehrerinnen und
Lehrer kommen in mancher Hinsicht nicht so nah an die Schülerinnen
und Schüler heran, wie es zum Beispiel Sozialpädagogen aufgrund
ihrer beruflichen Kompetenz und aufgrund ihrer Erfahrung können.
Dies ist eine Maßnahme, die zu unterstützen und zu gestalten
ist. Es gibt andere vielfältige Projekte, bei denen Schulen im
Einzelnen überlegen, wie sie mit diesen schwierigen Schülerinnen
und Schülern umgehen können. Das ist auch ein Problem bei
Schulen mit einem hohen Migrationsanteil. Hier muss man durch Migrantenorganisationen
und über die Arbeit mit den Eltern deutlich machen, dass diese
Jugendlichen in Deutschland nur dann eine Perspektive haben, wenn sie
tatsächlich eine berufliche Ausbildung anstreben. Wir haben leider
die Situation, dass die Abbrecherquote derjenigen, die eine Berufsausbildung
anfangen, ziemlich hoch ist und bei Migranten mehr als doppelt so hoch,
als bei Nicht-Migranten.
Periskop
Das heißt, es brechen zwei Drittel ab?
Herr Pokall
Ja. Deshalb haben wir in der Berufsschule entsprechende begleitende
Maßnahmen vorgesehen, damit diese Schülerinnen und Schüler
rechtzeitig aufgefangen werden und sich gar nicht erst in dieser Situation
wohl fühlen können. Nach dem Motto „ach, jetzt probier
ich mal dies aus und dann das“, ohne zu einem vernünftigen,
beruflich qualifizierten Abschluss zu kommen. Wir bemühen uns,
neben den Sozialpädagogen in den allgemeinbildenden Schulen, auch
eine verstärkte Begleitung und Förderung an den berufsbildenden
Schulen zu erhalten, damit wir diese, für meine Begriffe wirklich
sehr erschreckende Abbrecherquote, deutlich reduzieren können.
Periskop
Vielen Dank für das Gespräch.