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Periskop 2005 / 04
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Interview
mit Herrn Lenk, Leiter der Diakonie Station Steglitz
Periskop:
Seit wann arbeiten Sie mit MAE-Kräften und in welchen
Bereichen?
Herr Lenk:
Seit Oktober letzten Jahres. Die Mitarbeiter arbeiten überwiegend
in der Betreuung älterer Menschen. Das heißt:
Begleiten älterer Menschen beim Spaziergang, beim Einkauf,
zur Fußpflege, zum Arzt. Später haben wir noch
MAE-Kräfte in der Küche eingesetzt und auch für
Gruppenangebote.
Periskop:
Gibt es Unterschiede zwischen MAE-Kräften und Maßnahmen,
die es vorher gab, wie Arbeit statt Strafe oder ABM?
Herr Lenk:
MAE ersetzt nicht nur GzA, sondern auch ABM. Das ist bei
uns zumindest so. Ein Vorteil für uns ist, dass dadurch,
dass die MAE-Mitarbeiter, wenn sie krank sind, kein Geld
bekommen, sie auch wesentlich niedrigere Fehlzeiten haben.
Die Leute kommen einfach kontinuierlicher. Das war unser
großes Problem bei ABM. Wir hatten auch eigene ABM
Projekte durchgeführt und das Ziel bei ABM war die
Integration der Teilnehmer. Nur, wie soll ich jemanden integrieren,
der nie da ist?
Da haben wir bei MAE viel weniger Probleme. Natürlich
höre ich bei MAE immer wieder: ich arbeite eigentlich
nicht für 1,50 Euro die Stunde. Das ist wie bei GzA.
Ich sage den Mitarbeitern dann:" ihr müßt
auch das rechnen, was ihr sonst noch vom Job-Center bekommt.
Periskop:
Im Grunde sind sie bei 7,60 Euro netto.
Herr Lenk:
Das ist schon mal gar nicht so ein schlechter Schnitt.
Periskop:
Im Oktober letzten Jahres waren die MAE noch freiwillig,
weil es sich dabei um ein Modellprojekt handelte. Ab Januar
wurde es für die Leute verpflichtend. Gab es Unterschiede
bei den MAE-Teilnehmern bezüglich der Motivation?
Herr Lenk:
Die ersten Leute, die angefangen haben, waren hundertprozentig
motiviert. Die wussten ja, wenn sie keine Lust mehr haben,
brauchen sie nicht weiter arbeiten und es würde nichts
passieren. Jetzt sind auch schon Leute dabei, die Motivationsprobleme
haben. Aber, ich würde mal sagen, der größere
Teil ist motiviert. Ein Unterschied zur G z A fällt
mir jetzt noch ein. Unsere G z A- Mitarbeiter hatten 40
Stunden im Monat gearbeitet. Sie waren also zwei Wochen
jeweils 20 Stunden da. Da war für uns verwaltungsmäßig
schlecht und für die Leute war es auch unbefriedigend,
weil sie immer zwei Wochen zu Hause gesessen haben. Sie
wollten eigentlich etwas Kontinuierliches. Dass sie 30 Stunden
in der Woche arbeiten können, ist für die meisten
Leute besser.
Periskop:
Sie haben bei Ihren MAE- Kräften alle Zielgruppen vertreten.
Jugendliche, 58 plus, und sonstige.
Gibt es Personengruppen, für die sich die Betreuung
Älterer überhaupt nicht eignet?
Herr Lenk:
Es kommt immer wieder vor, dass jemand sagt, der Altenbereich
ist nicht so sein Bereich. Ich kann nicht statistisch belegen,
dass von 10 Leuten, x Personen dafür nicht geeignet
sind. Ich würde eher sagen, das verteilt sich auf alle
Zielgruppen.
Periskop:
Gerade bei den Tätigkeiten der sozialen Pflegedienste
müssen wir aufpassen, dass bestimmte Tätigkeiten
zu den Pflichtaufgabengehören, die nicht von MAE- Kräfte
durchgeführt werden dürfen. Wie können Sie
das kontrollieren?
Herr Lenk:
Wir setzen die Mitarbeiter nach der Positivliste ein. Wir
kennen die Positivliste und wir kennen auch die gesetzlichen
Vorschriften. Die nächste gesetzliche Vorschrift, die
wir in unserem Bereich beachten müssen, ist die Pflegeversicherung.
Wir müssen da genauer hinschauen, was darin steht und
welche Leistungen vorgesehen sind.
Periskop:
Wer überprüft das bei ihnen?
Herr Lenk:
Ich, als Leitung der Mobilitätshilfedienste in Steglitz.
Periskop:
Aber Sie können nicht in jeder Einsatzstelle sein!
Herr Lenk:
Doch, es gibt nur eine Einsatzstelle. Mein Problem ist,
dass es einen Grauzonen- Bereich gibt. Ich glaube, viele
Menschen in dieser Stadt, di mit MAE arbeiten, haben damit
Probleme. Beispielweise ist die Arztbegleitung Teil der
Pflegerversicherung, das heißt, MAE- Kräfte dürfen
dies eigentlich nicht machen. Es gibt aber auch wieder Situationen,
wo eine Arztbegleitung möglich ist. Man muss sich genau
auskennen damit, wo es irgend eine Nische gibt.
Periskop:
Könnten Sie ohne MAE- Kräfte arbeiten?
Herr Lenk:
Nein. Die MAE- Kräfte machen bei uns ungefähr
80% der Leistung aus. Das heißt, wir konnten nur noch
20% von dem leisten, was wir jetzt leisten. Ohne MAE- Kräfte
wäre dass ein erdrutschartiger Verlust.
Periskop:
Wie kommt das?
Herr Lenk:
Wir erhalten von Senat eine Basis- Finanzierung. Diem Mobilitätshilfe
ist ein zuwendungsfinanziertes Projekt, die freiwillig vom
Senat erbracht wird.
Wir erhalten Geld für Miete und etwas Personalkosten,
ansonsten müssen wir selber sehen, wie wir die Leistung
erbringen. Deshalb setzten wir so viele MAE- Mitarbeiter
ein.
Periskop:
Hatten sie vorher andere Projekte für diese Tätigkeiten?
Herr Lenk:
Ja. GzA, ABM und SAM. Und dann arbeiten wir auch schon
lange Zeit mit Mitarbeitern aus dem Programm Arbeit statt
Strafe, mit Ehrenamtlichen und mit Zivis.
Periskop:
Gibt es jetzt Probleme mit Ehrenamtlichen, weil sie im Gegensatz
zu MAE- Kräfte nicht entlohnt werden?
Herr Lenk:
Nein, natürlich passen die Mitarbeiter immer gut auf,
ob bei ihnen andere Maßstäbe angelegt werden.
Aber, da haben wir jetzt keine Probleme.
Periskop:
Das heißt, Sie haben immer noch ehrenamtlich Mitarbeiter,
die, wie früher, für Sie tätig sind?
Herr Lenk:
Genau. Wir haben in allen Bereichen eine hohe Fluktuation.
Das heißt die Ehrenamtlichen, die letztes Jahr noch
bei uns gewesen sind, sind dieses Jahr nicht mehr bei uns.
Wir haben wieder neue Ehrenamtliche. Wir haben keine Kontinuität
bei unseren Mitarbeitern. Und so kann sich auch kein Frust
über die Jahre aufbauen.
Periskop:
Sie beschäftigen auch noch Zivildienstende?
Herr Lenk:
Genau. Sie arbeiten inzwischen nur noch neun Monate.
Bei allen Mitarbeitergruppen sind die Perioden kürzer
geworden. Unsere ABM- Leute waren ein Jahr da, danach nur
noch ein halbes. Jetzt haben wir die MAE- Leute in Steglitz
für neun Monaten. In Tempelhof haben wir glücklicherweise
Projekte, die ein Jahr gehen. Da bleiben die Leute dann
meistens länger.
Periskop:
Gibt es denn von der Diakonie spezielle Schulungen für
die MAE- Kräfte?
Herr Lenk:
Sie laufen während einer Hospitationswoche mit erfahrenden
Mitarbeitern mit und werden dabei geschult.
Periskop:
Mit wie vielen Trägern arbeiten Sie zusammen?
Herr Lenk:
Wir arbeiten mit etlichen Einrichtungen zusammen. Die Anzahl
der Einrichtungen, mit denen wir zusammenarbeiten, ist eher
abhängig davon, in welchem Bereich wir die Mitarbeiter
einsetzen können. Wir haben ja auch eine Küche
und brauchen dort Unterstützung. Da müssen wir
immer schauen, was uns von den unterschiedlichen Beschäftigungsträgern
angeboten wird. Ansonsten sind wir natürlich sehr daran
interessiert, eigene Projekte zu verwalten, weil wir dann
die Sachkostenpauschale selber einnehmen dürfen und
damit unsere Kosten, die durch die Beschäftigung der
MAE- Teilnehmer entstehen, tragen können. Wenn wir
nicht ein eigenes MAE- Projekt durchführen würden,
hätten wir große Schwierigkeiten, unsere Miete
und unser Regiepersonal zu finanzieren.
Periskop:
Das heißt, Sie machen selber auch MAE?
Herr Lenk:
Ja.
Periskop:
Wozu brauchen Sie die anderen Beschäftigungsträger?
Herr Lenk:
Weil wir so viele Menschen betreuen, dass die Mitarbeiter,
die wir vom Jobcenter bekommen, nicht ausreichen.
Periskop:
Im Rahmen von MAE erhalten die Teilnehmer eine Basisqualifizierung,
teilweise tageweise, teilweise im Blockunterricht. Bereitet
Ihnen der Abzug der Teilnehmer für Ihre Arbeit Problem?
Herr Lenk:
Grundsätzlich ist es so, dass ich die Qualifizierungsmaßnahmen
wichtig finde und das auch unterstütze. Probleme treten
dann auf, wenn wir über Termine zu kurzfristig informiert
werden. Dann können natürlich auch Probleme auftreten,
wenn zuviel Fortbildung im Block ist. Die Fortbildung, die
wie in eigener Regie durchführen, machen wir an ein
bis zwei Tagen pro Woche. So können wir auch die Einsätze
der Mitarbeiter, die jetzt an diesen Tage wären auf
einen anderen Tag verschieben. Wenn ich einen Mitarbeiter
eine ganze Woche nicht einsetzen kann, dann habe ich keinen
Spielraum mehr. Unser Bestreben ist, dass wir Fortbildung
mehr verteilen. Das ist für die Mitarbeiter einfacher,
die Inhalte aufzunehmen, als wenn sie ganz viel Theorie
am Stück haben. Sie sind dann nicht mehr aufnahmefähig.
Periskop:
Seit Juni letzten Jahres bietet die Senatverwaltung von
Berlin zusammen mit den Servicegesellschaften Zusatzqualifizierungen
für MAE Kräfte über ESF- Mittel an.
Schafft diese zusätzliche Qualifizierung weitere Probleme
für Ihre tägliche Arbeit?
Herr Lenk:
Ich würde nicht sagen Probleme. Es ist nur wieder ein
zusätzlicher Verwaltungsaufwand. Wenn ich Mitarbeiter
habe, die z. B. sechs Wochen den 200 Stunden Basiskurs machen,
dann fehlt er. Wenn ich das rechtzeitig erfahre, dann habe
ich die Möglichkeit, mir für die Zeit Ersatz zu
suchen.
Periskop:
Vorausgesetzt, dass Sie einen Ersatz haben! Wenn Sie Personal
von unterschiedlichen Trägern bekommen und die dann
unterschiedlichen Zusatzqualifizierungen auswählen,
dann ist es schwer, Ersatz zu bekommen.
Herr Lenk:
Probleme hätte ich dann, wenn viele Mitarbeiter zur
gleichen Zeit weg gehen würden und ich nicht die Möglichkeit
hätte, die Mitarbeiter zu ersetzen. Ansonsten finde
ich es gut, dass die MAE- Mitarbeiter ein zusätzliches
Angebot nutzen können. Grundsätzlich befürworte
ich es sehr. Natürlich macht es uns mehr Verwaltungsaufwand.
Ich kann unsere Ziele in Bezug auf unser Klientel und die
Ziele der MAE- Mitarbeiter koordinieren. Deren Ziel ist
natürlich durch Qualifikation und durch Berufserfahrung
Anschluss an den regulären Arbeitsmarkt zu bekommen.
Dadurch, dass wir ungefähr 60 Mitarbeiter beschäftigen,
macht es keinen so großen Unterschied. Wären
wir eine kleinere Einsatzstelle, dann würde es ganz
anders ins Gewicht fallen.
Periskop:
Wird die Zusatzqualifizierung von der Senatsverwaltung von
Ihren Kräften überhaupt angenommen?
Herr Lenk:
Wir hatten gerade eine Mitarbeiterin, die bis ende November
diesen 200- Stunden- Kurs gemacht hat. Es gibt auch immer
wieder Anfragen.
Mein Eindruck ist jedoch, dass noch nicht so viel über
dieses Programm läuft, weil Kurse nicht zustande kommen.
Periskop:
Worauf legen Sie Wert bei der Zusammenarbeit mit Trägern,
b z w. nach welchen Kriterien suchen Sie sich überhaupt
Ihre Träger aus?
Herr Lenk:
Wir arbeiten z. B. mit einem Träger, weil er ins eine
Teil von der Maßnahmekostenpauschale abgibt. Wir brauchen
einfach finanzielle Unterstützungen. Außerdem
arbeiten wir mit Einrichtungen zusammen, die uns für
die Tätigkeiten, die wir anbieten wollen, auch Mitarbeiter
zu Verfügung stellen. Ferner muss die Arbeit verwaltungsmäßig
gut laufen.
Wir hatten gerade in letzter Zeit einige Male kurzfristig
von Terminen erfahren, bei denen die MAE- Kräfte zu
Gesprächen zu ihrem Träger sollten. Wenn es zu
kurzfristig ist, bekommen wir mit unserer Planung Schwierigkeiten.
Außerdem ist die Kontinuität ein wichtiger Aspekt.
Periskop:
Haben Sie noch konkrete Wünsche an Träger, mit
denen Sie zusammenarbeiten?
Herr Lenk:
Ich wünsche mir, dass die Fortbildungsangebote mit
der Tätigkeit bei uns abgestimmt sind. Die Motivation
der Mitarbeiter ist dann höher. Je näher die Fortbildungsangebote
an der aktuellen Tätigkeit dran sind, desto größer
ist natürlich auch die Arbeitssicherheit, denn wenn
die Mitarbeiter beispielsweise wissen, was z. B. ein Schlaganfall
ist und worauf ich als Begleitung zu achten habe, dann können
sie bessere Arbeit leisten. Das wünsche ich mir.
Periskop:
Die Träger haben eine gewisse Verpflichtung gegenüber
dem Jobcenter. Sie müssen die Mittel verwalten und
die sogenannte Mehraufwandsentschädigung, die die Teilnehmer
erhalten. Sie können nur bezahlt werden, wenn sie ihre
Anwesenheitsliste rechtzeitig zurückschicken. Dies
bedeutet für die Einsatzstellen und die Träger
einen sehr hohen Verwaltungsaufwand. Die reibungslose Abwicklung
funktioniert nur, wenn die Einsatzstellen auch kooperieren.
Ist das für Sie ein Problem?
Herr Lenk:
Das ist überhaupt kein Problem. Natürlich machen
wir die Verwaltungsarbeit nicht sonderlich gern, aber wir
wissen, dass sie notwendig ist. Dadurch dass wir selber
auch MAE durchführen, sind uns die Hintergründe
bekannt. Wir wissen, wie wichtig es ist und versuchen deshalb
alle Zuarbeit rechtzeitig einzureichen.
Periskop:
Wünschen Sie sich seitens der Träger, die Ihnen
MAE- Kräfte zur Verfügung stellen, eine intensiviere
Betreuung? Sollten die Mitarbeiter der Träger regelmäßig
persönlich vorbei kommen oder reichen Ihnen die telefonischen
Kontakte?
Herr Lenk:
In unserer Einrichtung werden seit 1993 Mitarbeiter vom
zweiten Arbeitsmarkt eingesetzt, d. h. wir haben viele Erfahrungen
gesammelt. Welche Strategien verfolgen wir in Konfliktsituationen,
welche Schritte leiten wir ein, wen sprechen wir an. Wir
klären Probleme zunächst einmal intern und ich
glaube, wir regeln dies ganz gut. Ich bin Sozialpädagoge
und habe während meiner Tätigkeit, jetzt auch
schon 15 Jahre, an Fortbildungen teilgenommen, wie z. B.
Führen und Leiten. Die telefonische Rücksprache
mit den Trägern finde ich zunächst ausreichend.
Periskop:
Möchten Sie zum Thema noch etwas sagen?
Herr Lenk:
Die Finanzen habe ich ja schon angesprochen. Das ist für
uns eine wichtige Sache, denn wenn ich kein Geld habe, um
das Telefonat zu bezahlen, um den Klienten mitzuteilen,
dass eine MAE- Kraft kommt, dann kann ich diese Person halt
auch nicht einsetzen. Bei uns ist es anders als bei vielen
anderen Einsatzstellen, weil wir keine Sachkostenfinanzierung
bekommen. Wir hätten dann keinen Raum in dem wir sitzen,
weil wir die Miete nicht finanziert bekommen. Wenn wir mehr
Kooperationspartner hätten, mit einer finanzielle Grundlage,
dann könnten wir auch unsere Angebote ausbauen. Der
Bedarf, der im Bezirk besteht, ist sicherlich wesentlich
höher, als der Bedarf, den wir zurzeit abdecken. Da
ja fast alle unsere Klienten mit einem Fuß schon im
Pflegeheim stehen, wo die Lebensqualität niedriger
ist, als wenn die Menschen zu Hause sind, könnte die
Stadt hohe Kosten sparen. Für alle Beteiligten wäre
es gut, wenn wir unsere Dienste weiter ausbauen könnten.
Dafür benötigen wir jedoch die die finanziellen
Mittel.
Periskop:
Vielen Dank für das Gespräch.