|
|
![]() |
|
Dr. Margarete Böhm, Soziologin
Der öffentliche Diskurs in diesem Land ist kaum noch zu unterbieten: Je höher der Arbeitskräfte-Überschuss, desto mehr Kinder sollen in die Welt gesetzt werden. Je höher die Produktivkraftentwicklung, desto mehr Lohnverzicht wird gefordert. Je mehr Arbeitsplätze schwinden, desto länger soll gearbeitet werden, möglichst 45 Stunden die Woche, möglichst bis zum Tod. Um die Sozialkassen, auf deren Privatisierung wir gefasst sein dürfen, nicht unnötig zu belasten. Vorläufiger Höhepunkt solcher Denkweise ist Hartz
IV, dessen Verabschiedung - getreu dem Grundsatz "fördern
und fordern" - gleichzeitig mit der 3. Senkung des
Spitzensteuersatzes erfolgte. Die Zusammenlegung von Arbeitslosen-
und Sozialhilfe katapultiert diejenigen Arbeitslosen, die
bislang von Arbeitslosenhilfe leben konnten, an den Rand
des Existenzminimums und verordnet arbeitsfähigen Sozialhilfe-Empfängern
jene Arbeitsmoral, die gerade dabei ist, sich selbst ad
absurdum zu führen. Die verordneten Tätigkeiten reichen von Reinigungs-
über Bauarbeiten bis Bürohilfe und Hilfskraft
in der Altenpflege. Wer die Zuweisung ablehnt, kann beim
ersten Mal mit einer Kürzung von 30 %, im Wiederholungsfall
von 100 % rechnen. Weiten Teilen der Mittelschicht scheint durchaus noch nicht
klar zu sein, dass die Maßnahmen auch sie erfassen
können. Anders lassen sich der weitgehend positive
Diskurs und die Ruhe im Land wohl nicht erklären. Doch
auf den Arbeitsagenturen kann man sehen, "dass der
typische ALG-II-Empfänger, der EHB, der erwerbsfähige
Hilfsbedürftige längst nicht mehr der stark tätowierte
Kunde ist, der mit Bierflasche in der Warteschlange steht,
nein, das ist die Krankenschwester, die Kindergärtnerin,
die Verkäuferin, das ist der Industriekaufmann, der
kleine Selbständige. Denn es trifft vermehrt auch den
Mittelstand, und zunehmend kommen auch Führungskräfte
und Akademiker
" Doch wie gesagt, die Medienstimmung ist weitgehend positiv, im TV häufen sich die Beispiele von "Chancen," und der Film "Arbeit - nein danke," in dem Betroffene (einigermaßen unglaubwürdig) vor laufender Kamera vorrechnen, dass ihnen Schwarzarbeit mehr bringt, verfehlte anscheinend nicht seine Absicht. Das Münchener Ifo-Institut hält bereits "Hartz V" für dringend geboten: "Der Staat darf die ihm anvertrauten Arbeitnehmer nicht selbst einsetzen, sondern muss sie meistbietend an die private Wirtschaft weiter verleihen." Der moderne Sklavenmarkt lässt grüßen. Dass sich fast 5 Mio. Erwerbslose auch auf solche Weise nicht dauerhaft in Arbeit bringen lassen, liegt auf der Hand. Die Vorstellung, dass durch sinkende Löhne und womöglich noch mehr Lohnverzicht als im letzten Jahrzehnt die Industrie mehr Grund zum Investieren in Arbeitsplätze habe, darf aufgrund der Produktivkraftentwicklung bis auf weiteres in den Bereich der Illusion verwiesen werden. Worum geht es also, wenn die Politik zum obersten Ziel
die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit erklärt? Grade
so, als hätte sie das die letzten Jahrzehnte nicht
getan, gerade so, als sei mit zunehmendem Sozialabbau die
Arbeitslosigkeit nicht weiter angestiegen? (Zwar tönte
wahlkampfgerecht im Herbst 2005 der eine oder andere Politiker,
es ginge nicht an, dass die Wirtschaft zwecks Profitsteigerung
Arbeitsplätze streicht und die Kosten für die
Freigesetzten dann dem Staat überlässt, doch scheinen
solche Aussagen bereits in Vergessenheit geraten zu sein.
Ebenso wie der Vorschlag einer Reichensteuer' (ab
750.000 € Jahreseinkommen !!), der öffentlichkeitswirksam
parallel zur Mehrwertsteuer-Erhöhung gemacht wurde.) Da man das aber nicht laut sagen kann, greift man zum Mittel der Objektivierung: Globalisierung, internationale Konkurrenz und zu hohe Löhne treiben demnach das deutsche Kapital an den Rand des Ruins. Also sind die Opfer der Sozialeinschnitte die eigentlichen Täter, d.h. Verursacher und Profiteure zugleich. Verursacher, insofern sie jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt' haben, Profiteure, insofern dadurch neue Arbeitsplätze entstehen werden. Allerdings enthält solche Propaganda einige entscheidende Denkfehler: Globalisierung suggeriert, dass weltweit jeder mit jedem konkurriert. So ist es aber nicht. Es gibt einen Weltmarkt, aber viele nationale Volkswirtschaften, die sich durch den Stand der Produktivkräfte und die daraus resultierende Reichtumsproduktion voneinander unterscheiden. Wenn also in einem Land in 8 Stunden doppelt so viele Waren hergestellt werden können wie in einem anderen, können bei gleicher Mehrwertrate Profite und Löhne (inklusive Sozialleistungen) um das Doppelte steigen. Die Spielräume, die sich durch die nationalökonomische Eigenständigkeit für die Lohn- und Sozialpolitik ergeben, werden durch den Weltmarktzusammenhang aber keinesfalls beseitigt. (Als 1835 in Preußen die Kinderarbeit verboten und einige Jahrzehnte später die Sozialversicherung eingeführt wurde, war das deutsche Kapital laut eigenen Aussagen auch nicht mehr konkurrenzfähig.) "Wären die Löhne entscheidend, hätte Afrika längst einen Entwicklungsschub haben müssen. Nicht das teure' Deutschland, sondern die Niedriglohn-Region Afrika müsste Exportweltmeister sein. Tatsächlich besitzen die Länder mit den höchsten Löhnen tendenziell die relativ höchste Exportkraft Die Tendenz zum Sozialabbau, zu Lohnkürzungen und zur Verlängerung der Arbeitszeit wird in jedem einzelnen Land durch das dort jeweils existierende Kapital hervorgerufen." Dass die Deutschen über ihre Verhältnisse leben oder gelebt hätten, ist schlicht falsch. Zum einen, weil in diesem Land mehr Waren und Dienstleistungen hergestellt als verbraucht werden; die Exportüberschüsse liegen bei ca. 100 Mrd. € pro Jahr, das sind mehr als 5 % des Brutto-Inlandsprodukts. Zum anderen verschweigt der Hinweis auf die Staatsverschuldung, womöglich noch zu Lasten kommender Generationen, dass jedem Schuldner ein Gläubiger gegenübersteht, oder anders ausgedrückt: Wenn der Staat Schulden macht, kassieren seine Gläubiger (= Bürger im Besitz von Schuldverschreibungen) Zinsen. Und seine Kinder erben. Aus der wachsenden Schere zwischen arm und reich wird so ein Generationenkonflikt gezimmert. Die Rentendiskussion tut ein übriges, jung und alt gegeneinander aufzubringen. Doch nicht nur die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit und die Produktivkraftentwicklung verweisen die Vorstellung, Sozialabbau schaffe Arbeitsplätze, in den Bereich der Illusion, sondern auch die Bedingungen für die Zukunft: Dem Wirtschaftsaufschwung der 60-er Jahre lag ein Mangel an Arbeitskräften zugrunde, heute haben wir einen Arbeitskräfte-Überschuss. Aus ersterem folgte ein Erstarken der Gewerkschaften, Verbesserung der Arbeitsbedingungen und ein Aufbau von Sozialleistungen bis in die 70er Jahre hinein. Heute kann man, sich angesichts des vorhandenen Arbeitskräfte-Überschusses einen Sozialabbau erlauben. Und da das bis auf weiteres so sein wird, können die Almosenempfänger nur mehr werden.
|