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Periskop 2002 / 01
Interview |
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Interview
mit der arbeitsmarktpolitischen Sprecherin der Bundestagsfraktion
von Bündnis 90 / Die Grünen, Frau Dr. Dückert,
MdB
Periskop:
In der letzten Zeit werden in den Medien verstärkt
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen kritisiert. Ein Argument
ist, daß sie nicht sehr sinnvoll seien.
Welche Position vertritt Ihre Fraktion zu diesem Thema?
Frau Dr. Dückert:
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
sind in Regionen, wo der
erste Arbeitsmarkt nicht aufnahmefähig
ist, also dort, wo die
Arbeitsmarktentwicklung sehr
negativ ist, ein richtiges Instrument.
Dies betrifft zum Beispiel
die neuen Bundesländer. Insgesamt
sollten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
von allen arbeitsmarktpolitischen
Instrumenten
die letzte Lösung sein. Die
Vermittlung von Arbeitslosen in
den ersten Arbeitsmarkt muß
ganz oben stehen.
Periskop:
Sie sagen, ABM sollte das letzte
Mittel sein und die Leute sollten
auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt
werden. Wo sind aber
diese Stellen?
Frau Dr. Dückert:
Dort wo es keine Stellen gibt, ist
ABM ein gutes Instrument. Es ist
ja nicht generell so, daß wir nirgendwo
Möglichkeiten haben,
Leute zu vermitteln. Im Unterschied
zu den Ostländern, wo
wir zwischen 20 und 30 Prozent
Arbeitslosigkeit haben, gibt es
Regionen mit 5 Prozent Arbeitslosigkeit.
Dort halte ich ABM
nicht für ein sinnvolles Instrument.
Periskop:
Innerhalb von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
werden gesellschaftlich
sinnvolle Tätigkeiten
durchgeführt, woher kommt
Ihrer Meinung nach dieser
schlechte Ruf von ABM?
Frau Dr. Dückert:
Das ist schwer zu sagen. Vielleicht,
weil die Vermittlungsquote
bei ABM, im Vergleich zu
anderen Maßnahmen, wie z.B.
Qualifizierungmaßnahmen,
Lohnkostenzuschüssen, also
Eingliederungszuschüssen, geringer
ist und natürlich, weil es
relativ teure Maßnahmen sind.
Alles, was im Sozialstaat über
Beiträge finanziert wird, muß
sich einer Rechtfertigung aussetzten,
weil es eine große Solidargemeinschaft
gibt, die auch
die Beiträge leistet. Und so stellt
sich natürlich zu recht die Frage,
ob die Maßnahmen zielführend
sind und was mit den
Beiträgen gemacht wird. Die
Arbeitlosenversicherung, soll
dazu verhelfen, Arbeitslose mit
Maßnahmen in den Arbeitsmarkt
zurückzuführen. Deshalb
ist die Nachfrage nach deren
Wirkung zunächst einmal eine
berechtigte Diskussion.
Periskop:
Was soll mit den Zielgruppen
geschehen, die langzeitarbeitslos
oder schwerbehindert sind?
Es ist illusorisch zu glauben,
daß man alle diese Personen
wieder auf den regulären Arbeitsmarkt
integrieren könnte.
Sollen diese Personen nie mehr
einen Job bekommen oder sollten
sie gerade in solchen Maßnahmen,
auch wenn sie teuer
sind, gesellschaftlich sinnvolle
Tätigkeiten durchzuführen?
Frau Dr. Dückert:
Da wo es keine andere Möglichkeit gibt, sage ich ja.
Aber Sie haben jetzt gerade Bereiche genannt, wo ich glaube,
daß man nicht einfach den zweiten Arbeitsmarkt als
die Lösung sehen sollte. Sie haben den Bereich Behinderte
genannt. Wir haben im Behindertengesetz
gerade die Integration geregelt.
Ich glaube, daß behinderte
Menschen bei uns einen Anspruch
haben, ganz genauso in
den ersten Arbeitsmarkt integriert
zu werden, wie andere.
Dafür haben wir eine ganze
Reihe Maßnahmen geschaffen,
z.B. Arbeitsassistenz und ein Anreizsystem,
daß die Betriebe
mehr Plätze für Behinderte zur
Verfügung stellen. Dort bin ich
überhaupt nicht der Ansicht,
daß der zweite Arbeitsmarkt die
Lösung wäre. Nein, gerade
Gruppen, die es schwierig haben
auf Grund von Behinderungen
oder anderen Eigenschaften,
sollten auch im ersten
Arbeitsmarkt integriert werden.
Sie haben auch die Älteren genannt.
Man sollte nicht den
zweiten Arbeitsmarkt aufblähen,
sondern die Frühverrentungspraxis
verändern, damit
die Älteren eine Chance bekommen
über Qualifikation,
über lebenslanges Lernen, über
Brücken, die wir in den Arbeitsmarkt
schlagen können, in den
ersten Arbeitsmarkt integriert zu
werden. Man muß sehr aufpassen
und prüfen, ob es andere
Möglichkeiten gibt, um Menschen
nicht langfristig im zweiten
Arbeitsmarkt auszugliedern.
Das halte ich sozialpolitisch für
geboten.
Periskop:
Was soll nun konkret mit den Schwervermittelbaren geschehen?
Frau Dr. Dückert:
Ich denke, die erste Anstrengung muß
sein, ihnen das zu ermöglichen, was wir über neue
Gesetze geregelt haben. Ich halte die Integration in den
ersten Arbeitsmarkt immer für die bessere Lösung
als in den zweiten Arbeitsmarkt. In Regionen, wo es keine
Chancen gibt, in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen, dort
muß man mit ABM arbeiten. In anderen Regionen, wo
der Arbeitsmarkt besser ist, muß man auf Unternehmen
Druck ausüben, Arbeitsplätze zu schaffen, um die
Integration von Behinderten zu ermöglichen. In dem
Moment, wo wir bestimmte Personengruppen grundsätzlich
auf dem zweiten Arbeitsmarkt unterbringen, werden die Unternehmen
aus der Verantwortung entlassen, so daß dort die Integration
noch verschlechtert wird. Dies möchte ich nicht.
Periskop:
ABM wird derzeit aus dem Haushalt
der Bundesanstalt für Arbeit
finanziert, also aus Versicherungsbeiträgen.
Der Kampf gegen
die Langzeitarbeitslosigkeit
ist jedoch eine gesamtgesellschaftliche
Aufgabe. Sollten
Maßnahmen, wie z.B. ABM nicht
sinnvollerweise aus Steuermitteln
finanziert werden?
Frau Dr. Dückert:
Am Ende wird es immer über Mittel finanziert, die zunächst
aufgebracht werden müssen, egal ob über Beiträge
oder Steuermittel. Ich will nicht sagen, daß es egal
ist woher die Mittel kommen. Das ist eine theoretische Frage,
die systemisch beantwortet werden muß. Es spricht
einiges dafür, z.B. den zweiten Arbeitsmarkt über
steuerfinanzierte Mittel zu fördern. Dadurch könnte
man die Beitragssätze für die Arbeitslosenversicherung
senken. Wir sind sehr dafür, Möglichkeiten zu
finden, die Beitragssätze zu senken. Man muß
nur aufpassen, daß man nicht von der einen Tasche
in die andere wirtschaftet, weil die Steuerfinanzierung
auch erst einmal aufgebracht werden muß. Das ist eine
grundsätzliche Frage, wie soziale Versicherungssysteme
bezahlt werden. Man kann auch darüber reden, daß
die Beitragsleistung, also die Bemessung verbreitert wird.
In vielen anderen Ländern haben wir den Ansatz, daß
alle Einkommen herangezogen werden, um die Beiträge
zu finanzieren. Dadurch hätte man auch Selbständige
in die Beitragspflicht mit einbezogen. Für die Arbeitslosenversicherung
finde ich dies übrigens auch vernünftig, weil
der Zugang für einen Selbständigen, der in Arbeitslosigkeit
fällt, zu Integrationsmaßnahmen in den ersten
Arbeitsmarkt, etwas Positives ist.
Periskop:
Sollte man die Unternehmen
nicht mehr in die Steuerpflicht
mit einbeziehen?
Frau Dr. Dückert:
Die Frage der Steuergerechtigkeit,
der Steuertransparenz
und auch die Frage, daß große
Einkommen ihren Beitrag leisten
müssen, kann man nicht über
die Arbeitslosenversicherung
lösen. Das ist eine Frage, die
getrennt von ABM oder der Finanzierung
von der Arbeitslosenversicherung
diskutiert werden
muß. Man sollte auch darüber diskutieren,
ob über veränderte
Steuersysteme oder durch
Beitragssysteme, höhere Einkommen
noch mehr belastet
werden können. Dazu gehört
auch eine gerechte Vermögensbesteuerung
durch eine Reform
der Erbschafts- und Vermögenssteuer.
Heute wird die Arbeitslosenversicherung
je zur Hälfte
vom Arbeitgeber und Arbeitnehmer
gezahlt, also zahlt der Arbeitgeber
ja seinen Beitrag.
Periskop:
Seit geraumer Zeit gibt es in der
Bundesrepublik Deutschland
den Zweiten Arbeitsmarkt. Wäre
es nicht realistisch, den zweiten
Arbeitsmarkt endlich als feste Institution
zu betrachten und diesen
auch entsprechend staatlich
zu unterstützen, anstatt immer
nur von einer vorübergehenden
Situation zu sprechen?
Frau Dr. Dückert:
Nein, dafür bin ich nicht. Unsere Zielrichtung ist
über die Wirtschafts- und Finanzpolitik, nicht einfach
nur über die Arbeitsmarktpolitik, vor allen Dingen
über ökologische Investitionsprogramme und Innovationen,
die Massenerwerbslosigkeit zu bekämpfen. Das ist ein
Gerechtigkeitsproblem. Und zwar im Sinne der Integration
der Menschen in Arbeit und zwar dahin, wo sie hin wollen.
Ein Arbeitsloser, der gerade arbeitslos geworden ist, bemüht
sich natürlich, den Einstieg in den Arbeitsmarkt wieder
zu erlangen. Dies hat höhere gesellschaftliche Akzeptanz
und stärkt das Selbstwertgefühl. Arbeit ist schließlich
mehr als nur Broterwerb. Ich gehe davon aus, daß jemand,
der arbeitslos wird und Arbeit sucht, zunächst daran
interessiert ist, in reguläre Arbeit zu kommen. Das
ist unsere gesellschaftliche und politische Aufgabe, das
zu schaffen. Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland
in der Vergangenheit eine arbeitsmarktpolitische Reform
verschlafen. Die Probleme, die Sie in den neuen Ländern
ansprechen, sind Probleme die etwas mit einer verfehlten
Finanz- und Wirtschaftspolitik zu tun haben. Natürlich
auch damit, daß ein Zusammenwachsen, bei dem sich
eine ganze Ökonomie umstellen muß, auch Jahre
dauert. Da kann man nicht einfach sagen, nur weil wir Probleme
haben, schaffen wir den zweiten Arbeitsmarkt. Stellen Sie
sich das mal vor! Wir hätten einen zweiten Arbeitsmarkt,
ich sage es mal böse, Reservoir, und zwar in den neuen
Bundesländern. In den westlichen Bundesländern
kommen wir auf eine vergleichbare Arbeitslosenquote wie
in unseren europäischen Nachbarländern. Was wird
das an gesellschaftlichen Problemen geben! Die Vorstellung
finde ich eher gruselig.
Periskop:
Wie beurteilen Sie das neue
Job-Aqtiv-Gesetz?
Frau Dr. Dückert:
Ich finde das ist ein sehr gutes
Gesetz. Dort ist ganz viel Grünes
eingegangen. Wir haben
uns dafür eingesetzt, daß die
Vermittlung durch Dritte für die
Arbeitslosen ein Anspruch zunächst
einmal nach sechs Monaten
ist. Wir setzen uns im Moment
dafür ein, daß die Vermittlung
durch Dritte auch schon
ab dem ersten Tag der Arbeitslosigkeit
ein Rechtsanspruch
sein sollte. Das wird praktische
Probleme geben, die wir lösen
müssen, das ist völlig klar.
Langzeitarbeitslosigkeit ist das
größte Problem, sowohl gesellschaftlich
wie auch für die Individuen.
Die Konzentration auf
schnelle Vermittlung halte ich
für ein wichtiges Instrument, um
Langzeitarbeitslosigkeit zu verhindern.
Ich halte den zentralen
Ansatz für absolut notwendig,
Arbeitsuchende, wenn sie
schlechte Eingliederungschancen
haben, sofort in Maßnahmen
zu bringen. Auch die
Qualifizierungen haben wir
gestärkt. Wir haben neue Instrumente,
wie Job-Rotation, also
betriebsnah den Arbeitslosen
weiter zu qualifizieren. Diejenigen,
die in Arbeit sind, haben
in ihrem Arbeitsplatz die Möglichkeit,
weiterqualifiziert zu
werden um eben nicht so früh
in die Rente geschickt zu werden.
Es wurde im Grunde genommen
ein Paradigmen-
Wechsel in der Arbeitsmarktpolitik
eingeleitet. An der Umsetzung
müssen wir jetzt noch
arbeiten.
Periskop:
Glauben Sie, daß sich an der
bestehenden Situation, vorrangig
Langzeitarbeitslosen zu
bedienen durch das Job-
Aqtiv-Gesetz etwas ändern
wird?
Frau Dr. Dückert:
Die Arbeitsämter handhaben das sehr unterschiedlich.
Sie werden sehen, durch die Sachverhalte, die jetzt auf
den Tisch gekommen sind, nämlich daß die Vermittlungsstatistiken
sowieso nicht stimmen, werden wir eine tiefgreifende Reform
in den Arbeitsämtern bekommen.
Die örtlichen Ebenen werden
gestärkt werden müssen, damit
sie sich besser ihrer Aufgabe
widmen können. Da ist viel zu
tun. Das, was Sie als Einzelerfahrung
aus Berlin haben, deckt
sich sicherlich mit anderen Erfahrungen
aus anderen Städten.
Aber da wird jetzt noch einmal
ganz neu mit umgegangen
werden müssen, denn das ist
das Herzstück des Job-Aqtiv-
Gesetzes. Die alte Logik war ja,
daß nur Langzeitarbeitslose in
Maßnahmen und in Qualifizierungen
kommen. Es kann natürlich
nicht sein, daß die Arbeitsämter
das jetzt weiterhin so
machen, sondern hier muß eine
Veränderung erfolgen. Wenn
einer schlechte Chancen hat,
egal ob er jetzt kurz oder lang
arbeitslos ist, muß man sich um
ihn besonders kümmern und da
werden wir auch alles dransetzen,
daß das funktioniert.
Periskop:
Denken Sie, daß der Kombi-
Lohn das Allheilmittel ist?
Frau Dr. Dückert:
Es gibt am Arbeitsmarkt überhaupt
keine Allheilmittel. Wir
haben 4 Millionen Arbeitslose.
Dann haben wir noch die verdeckte
Arbeitslosigkeit. Die wirtschaftliche
Entwicklung muß
voran gebracht werden, also
ökonomische Innovationen, bei
denen Arbeitsplätze geschaffen
werden. Aber es gibt Gruppen
am Arbeitsmarkt, die schlechte
Chancen haben, in den Arbeitsmarkt
integriert zu werden.
Gruppen, die ganz schlechte
Beschäftigungsaussichten haben,
kleine Einkommensbereiche
und Personengruppen, die
nach der Kindererziehung zurück
kommen möchten. Da gibt
es Barrieren und dort kann man
nur Brücken bauen. Es gibt überhaupt
kein einziges arbeitsmarktpolitisches
Instrument, was
in dem Sinne ein Allheilmittel ist.
Das Problem ist regional differenziert,
es ist zwischen den Geschlechtern,
Altersgruppen und
den Qualifikationen unterschiedlich
und deswegen muß
es ein Maßnahmebündel geben.
Aber was wir mit dem Kombi-
Lohn vorgeschlagen haben,
ist etwas für diejenigen mit niedrigem
Einkommen, bei denen
quasi das Nettoeinkommen erhöht
wird.
Periskop:
Welchen Vorschlag unterbreitet
Ihre Fraktion, um gegen die Arbeitslosigkeit
vorzugehen?
Frau Dr. Dückert:
Wir müssen den Wirtschaftsprozeß
selber stärken. Eingebettet
in ein wirtschafts- und finanzpolitisches
Konzept habe ich das
Stichwort ökologische Modernisierung
genannt. Strukturreformen
müssen auch im Bildungsbereich
erfolgen, z.B. durch lebenslanges
Lernen und sehr viel
flexiblere Bildungsbereiche. Die
Gesundheitsreform ist übrigens
auch beschäftigungsintensiv.
Das ist der wirtschafts- und finanzpolitischer
Ansatz und darin
ist die Arbeitsmarktpolitik eingebettet.
Man muß sich mit den
arbeitsmarktpolitischen Instrumenten
auseinandersetzen. Das
Job-Aqtiv-Gesetz ist der erste
Schritt für eine notwendige Reform
der Instrumente gewesen.
Außerdem gibt es den Kombi-
Lohn. Es gibt noch andere Möglichkeiten,
mit denen man gezielt
Brücken in den Arbeitsmarkt
baut. Nur alles zusammen bringt
für eine große Zahl von Arbeitslosen
Arbeitsplätze.
Periskop:
Wir bedanken uns für das Gespräch.
Das Gespräch wurde Mitte Februar 2002 geführt.