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Periskop 2000 / 01
Rüdiger Fleisch,
Thomas Bierbaum
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Personalauswahlverfahren
im Rahmen des Ida-Projektes
Rüdiger Fleisch und Thomas Bierbaum, Share T.R.
Rahmenbedingungen und Auftrag
Aus ganz verschiedenen und nachvollziehbaren Gründen
müssen Kommunen Maßnahmen initiieren , die verhindern,
daß Menschen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind,
dies auf Dauer und in jedem Fall bleiben. Das Berliner IdA-Projekt
ist eine solche Maßnahmen.
Der erste Durchlauf wurde als Erfolg gewertet. Bei der kritischen
Evaluation fiel jedoch auf, daß es eine ganze Reihe
von Teilnehmern gab, die IdA nach relativ kurzer Zeit wieder
verließen. Dies war sowohl für die Teilnehmer
als auch für die Initiatoren, Finanziers und Träger
wenig zufriedenstellend. Daher sollte für das IdA-Projekt
2000 eine Vorschaltmaßnahme entwickelt werden, die
nicht nur die Motivation der potentiellen Teilnehmer fördert,
sondern auch die Personalauswahl seitens des Trägers,
dem Verein zur Förderung von Arbeit Forschung und Bildung,
so unterstützt, daß die Zahl der "Abbrecher"
verringert wird. In diese Vorschaltmaßnahme sollten
neben einem Praktikum und Personalgesprächen durch
die Träger auch an Assessment angelehnte Personalauswahlveranstaltungen
durchgeführt werden. SHARE T.R. Fleisch, Bierbaum und
Partner, ein externer Dienstleister, wurde mit der Entwicklung
und Durchführung von dreitägigen Personalauswahlveranstaltungen
für potentielle IdA-Teilnehmer beauftragt, da dieser
Dienstleister über das entsprechende Know-How verfügt.
So hat SHARE T.R. bspw. Für den Berliner Businessplanwettbewerb
oder auch für Hochschulen in Brandenburg Assessments
für Existenzgründer entwickelt und erfolgreich
durchgeführt.
Zielgruppe und Vorannahmen
Selbstverständlich mußte für die Zielgruppe
der Sozialhilfeempfänger ein spezielles Assessment
konzipiert werden. Bei allen Unterschieden, auf die wir
später zu sprechen kommen werden, gab es jedoch wesentliche
Elemente, die für die neue Zielgruppe unverändert
übernommen wurden: Hierzu zählen die Grundannahmen,
die dem Personalauswahlverfahren zugrunde gelegt wurden.
Diese sollen im folgenden erläutert werden.
-In üblichen Assessments geht man davon aus, daß
nicht nur das Unternehmen oder die Organisation sich entscheiden
muß, ob sie den entsprechenden Kandidaten einstellen
will, sondern daß das Assessment auch dem Teilnehmer
eine hinreichende Entscheidungsplattform eröffnet.
Diese Zielsetzung wurde beibehalten. Mit anderen Worten
die IdA-Personalauswahlveranstaltungen zielten von vornherein
auf zweierlei ab. Zum einen sollten die Teilnehmer ausreichend
Gelegenheit bekommen, sich selbst anhand von Inputs, Fragebögen,
Checklisten und strukturierten Diskussionen dahingehend
zu prüfen, ob sie sich für eine solche Maßnahme
für geeignet halten. Zum anderen sollte der Träger
eine Beurteilung darüber erhalten, ob eine erfolgreiche
Teilnahme des Einzelnen am IdA-Projekt zu erwarten sei.
-Jedes Personalauswahlverfahren basiert auf mehr oder weniger
expliziten Annahmen über die Zielgruppe. Diese Annahmen
müssen möglichst breit diskutiert und gerade auf
"negative Filter" hin untersucht werden. Die Annahmen
sind dann eine wichtige Grundlage für das Curriculum
und die Rahmengestaltung.
Bei der Erarbeitung des Konzeptes gingen wir beispielsweise
davon aus, daß einige Teilnehmer u.U. zwar nicht ganz
freiwillig an den Veranstaltungen teilnehmen würden,
dies aber andererseits den Teilnehmern nicht unbedingt den
Blick auf eigene Interessen und Potentiale verstellen sollte.
Dieser Rahmen wurde in den Auswahlveranstaltungen auf vielfältige
Weise kommuniziert. So wurden den Teilnehmern die Kriterien
der Bewertung und die Art der Bewertung offengelegt. Es
wurde peinlich genau darauf geachtet, daß kein Teil
des Assessments einem verdeckten Gewinn von Informationen
dient. Und was wohl am wichtigsten war: Es wurde nur beurteilt,
was in der Auswahlveranstaltung von den Teilnehmern an Verhalten
demonstriert wurde. Dieser Rahmen "erlöste"
die meisten Teilnehmer von der Last, daß ihre Person
oder Persönlichkeit auf dem Prüfstand stünde.
Die Reaktionen der meisten der über 300 Teilnehmer
ließen den Schluß zu, daß sie es als sehr
befreiend fanden, nicht am Maßstab "Sozialhilfeempfänger"
gemessen zu werden.
Hierauf reagierten alle Teilnehmer mit Vertrauen gegenüber
den Trainern, was sich stellenweise auch in offenen, konstruktiven
und auch kontroversen Diskussionen mit den Trainern ausdrückte.
Bei der Konzeptionierung der Personalauswahlveranstaltung
wurde weiterhin davon ausgegangen, daß Menschen, die
- egal aus welchen Gründen - längere Zeit nicht
mehr aktiv am Arbeitsleben teilgenommen haben, Struktur
und inhaltliche Kriterien benötigen, um eine fundierte
Entscheidung über eine dauerhafte Arbeit in IdA treffen
zu können.
Daher wurden schon zu Beginn einer jeden Veranstaltung
(die insgesamt aus dreimal vier Stunden bestand) ein verbindlicher
Zeitrahmen und Spielregeln gesetzt. Ein Verstoß gegen
diese Regeln hätte im schlimmsten Fall zum Ausschluß
aus der Veranstaltung geführt. So etwa wenn ein Teilnehmer
gegen die Regel der Gewaltlosigkeit oder der Präsenz
ohne Droge verstoßen hätte.
Es bestand Anwesenheitspflicht. Wenn ein Teilnehmer an
seinem Termin länger als eine Stunde fehlte, dann konnte
die Teilnahme an der Veranstaltung nur dann bestätigt
werden, wenn die versäumte Veranstaltung in einem anderen
Kurs nachgeholt wurde. Ohne die vollständige Teilnahme
konnte keine Beurteilung vorgenommen und abgegeben werden.
Die Tatsache, daß von den 300 Teilnehmern, die am
ersten Tag der Personalauswahlveranstaltung anwesend waren,
am Ende der 3 Tage noch ca. 90 % eine positive Entscheidung
fällten, am IdA-Projekt teilnehmen zu wollen, spricht
auch für die Tragfähigkeit des gewählten
inhaltlichen und strukturellen Rahmens. Die Teilnehmer fühlten
sich nach eigenem Bekunden durch diesen Rahmen in ihrer
Eigenverantwortung für das Gelingen der Veranstaltung
ernstgenommen.
Zu den Inhalten und den Methoden:
Inhaltlich gliederte sich die Personalauswahlveranstaltung
in drei Schritte:
Schritt 1: Herauszufinden, wo ich derzeit stehe
Zuerst sollten die Teilnehmer herausfinden können,
wo sie eigentlich stehen und wie sie sich mit Kernkriterien,
die im Berufsleben eine zentrale Rolle spielen, in Beziehung
setzen können. Es gab vier solcher Kernkriterien:
1. Verantwortung für das eigene Handeln und die Konsequenzen
des eigenen Handelns zu übernehmen.
2. Sich immer wieder an Regeln zu orientieren.
3. Mit anderen gut zusammenzuarbeiten
4. Ein Mensch ist nicht sein Fehler.
Diese Kernkriterien wurden auf verschiedene Arten erarbeitet.
Zum einen anhand von Beispielen aus dem Sport oder bei Jugendlichen
populären Vorabendserien, zum anderen anhand von Aussagen
von Teilnehmern, die das erste IdA-Projekt erfolgreich absolvier
hatten. Dadurch wurde Lernen am Modell ermöglicht,
das dann zunehmend auf die eigene Situation übertragen
wurde.
Schritt 2: Wohin möchte ich beruflich gehen? Wohin
kann ich beruflich gehen?
Der zweite Schritt widmete sich den Fragen: Wohin möchte
ich beruflich gehen und wohin könnte ich beruflich
gehen. Hier ging es hauptsächlich darum, eigene Fähigkeiten
und Potentiale wiederzuentdecken und in realistische Perspektiven
einzubetten. Eine längere Abwesenheit aus der Arbeitswelt
wirkt verfälschend aus das Selbstbild. Dies kann sich
sowohl in einer Unterschätzung der eigenen Fähigkeiten
ausdrücken als auch in einem unkritischen Überschätzen
der eigenen Leistungsfähigkeit. Daher stellte die Erarbeitung
der eigenen Potentiale für die meisten Teilnehmer eine
äußerst wichtige Arbeit dar. Am Ende dieses Schrittes
stand ein Fragebogen, der die Fähigkeiten und auch
den Ausbildungsgrad der Teilnehmer erfaßte. Die Abgabe
des Bogens war freiwillig, was den Grad der Verantwortung
der Teilnehmer steigerte. 100 % der Anwesenden gaben diesen
Bogen ab.
Schritt 3: Was kann mir IdA bringen? Wie kann ich IdA nutzen?
Um die realistische Basis der Personalauswahl und der Entscheidung
der Teilnehmer zu vertiefen, wurden hier Szenarien und Checklisten
vorgestellt, die nicht nur im Alltag als Orientierungshilfe
für bestimmte Situationen dienen können. Damit
sollte auch erreicht werden, daß die Teilnehmer, die
nicht für eine Mitarbeit in IdA empfohlen werden, in
jedem Fall praktische Anleitungen für den eigenen Alltag
mitnehmen konnten. In einer zweiten Phase erhielten die
Teilnehmer genaue Informationen über die Stellenbeschreibungen
und die Anforderungen der Arbeitsstellen in IdA, damit nun
auch jeder Einzelne überprüfen konnte, ob sich
Anforderungen und Erwartungen miteinander decken.
Am Ende der Veranstaltung mußte nun jeder Teilnehmer
seine Entscheidung treffen und konnte danach auch das Votum
der Trainer erfahren.
Zahlen
Insgesamt durchliefen ca. 300 Personen die Personalauswahlveranstaltung.
Davon trafen ca. 90 % eine Entscheidung, an IdA teilnehmen
zu wollen. 181 Stellen standen für die Teilnehmer zur
Verfügung. Ungefähr 50 % der Teilnehmer wurden
so beurteilt, daß eine erfolgreiche Teilnahme in jedem
Fall zu erwarten sie. (Bei ca. 10% wurde ein Einsatz empfohlen,
der von den ursprünglichen Vorschlägen abweichend
war.). Ca. 30% der Teilnehmer konnten als Nachrücker
empfohlen werden. Und bei 20% konnte weder das eine noch
das andere Votum abgegeben werden.
Grenzen des Assessments
Das Personalauswahlverfahren war nicht darauf angelegt,
eine umfassende Persönlichkeitsbeurteilung vorzunehmen,
was nach den Vorschriften des Arbeitsrechts auch nicht geschehen
darf.
Vielmehr ging es darum, zwei Interessen zu befriedigen.
Zum einen das Interesse des Auftraggebers, qualifizierte
Informationen zu erhalten, um die eigenen Einstellungsentscheidungen
zu fundieren. Die Zahl der Abbrecher sollte reduziert werden.
Zum anderen ging es darum, daß die Teilnehmer/innen
eine fundierte Basis erhalten, um eine selbständige
Entscheidung bezüglich des eigenen weiteren Lebens-
und Berufsweges treffen zu können. Dazu gehörte
das Kennenlernen von Anforderungen ebenso, wie das realistische
Erkennen des eigenen Potentials. In vielen Fällen -
gerade bei jüngeren Teilnehmern aber auch bei älteren
- bedeutete dies, dieses Potential überhaupt zu entdecken
und einschätzen zu lernen.
Das Personalauswahlverfahren wurde weitgehend nach expliziten
Kriterien konzipiert. Damit wurde die Einschätzung
der Teilnehmer nicht nur der Intuition von Trainern überlassen.
Im Rahmen des Auftrages war gefordert, ein pragmatisches
handlungsorientiertes Auswahlverfahren zu entwickeln u,
einzusetzen, das auch für andere vergleichbare Zielgruppen
geeignet ist.
Der Erfolg der insgesamt 36 Personalauswahlveranstaltungen
legt nahe, daß dies erfüllt wurde. Es ist vorgesehen,
Finanzierungsmöglichkeiten zu finden, damit eine Evaluation
vorgenommen werden kann.
Angebot
Der AFB bietet in Kooperation mit SHARE T.R. Ausbildungsseminare
für dieses Assessment an. Hier werden die Teilnehmer
(Dozenten) als Anwender für das Assessment ausgebildet
und lizensiert. Die notwendigen Metaskills wie Offenheit,
Konfliktfähigkeit und die Fähigkeit, mit Widerständen
und Grenzen produktiv umgehen zu können, werden dabei
vertieft. Im Preis für die Lizenz sind das standardisierte
Material, Trainermanuals und potentielle Updates enthalten.